Evangelische Gemeinde A.u.H.B. Klosterneuburg
Gemeindeblatt 2003-2
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"Was man liebt, verbirgt man nicht."

Ein Beitrag zum Ökumenischen Kirchentag Berlin 2003
...Wenn ich etwas liebe, wenn ich an etwas glaube, dann liegt es im Wesen dieser Liebe und dieses Glaubens, dass ich sie öffentlich zeige. Eine sich verbergende Liebe ist auf Dauer keine Liebe. Man gibt sich selbst ein Gesicht, man identifiziert sich und erfährt, wer man ist, indem man zeigt, zu welchen Texten und Traditionen man sich bekennt. Mission heißt nicht, darauf aus zu sein, dass alle anderen unseren eigenen Glaubensweg gehen. Es gibt andere Wege des Geistes und andere Dialekte der Hoffnung als unsere eigenen. Das müssen wir ohne Ressentiments zugeben können, obwohl die Einsicht, dass man nicht einzigartig ist, nicht ganz leicht ist.

Die Gefahr der Undeutlichkeit

Wir als Christen haben es also nötig, dass wir öffentlich werden. Das Christentum soll nicht in einem Winkel bleiben, wir können nur behalten, klar erkennen und uns wirklich aneignen, was wir öffentlich machen und was wir zeigen. Die anderen Religionen haben es nötig, dass wir uns zeigen; denn sie werden sich selber deutlich und gewinnen Kontur an der fremden Kontur, wie wir Kontur gewinnen an der Wahrnehmung der anderen. Die alte Gefahr des Christentums war die Arroganz der Einzigartigkeit. Ohne uns gibt es kein Heil und keine Rettung. Die neue Gefahr der Kirche könnte die Undeutlichkeit sein, die Selbstverbergung, der Unwillen, sich zu zeigen. Ich wünsche uns den Stolz auf unsere eigenen Schätze und Traditionen. Ich wünsche uns die Gewissheit des Glaubens. Ich wünsche, dass wir charmant finden, woran wir glauben. Dann werden wir heil, und dann werden andere an uns heil.

Vielleicht brauchen gerade junge Leute in unserem Land nichts dringender als dies: dass Menschen und Institutionen sich ihnen zeigen; dass ihr Gesicht und ihre Lebenskontur erkennbar werden. Lehren heißt zeigen, was man liebt. Missionieren heißt zeigen, was man liebt und woran man glaubt. Vielleicht werden junge Menschen nicht lieben, was wir lieben; aber sie entdecken, dass man überhaupt etwas lieben und für etwas stehen kann. Wenn sie auf kenntliche Menschen und auf erkennbare Institutionen stoßen, dann können die jugendlichen vielleicht auf die zwanghafte Selbstidentifizierung verzichten, die in der Ausübung von Gewalt besteht.

Mission heißt die Horizonte der anderen wahrnehmen. Wer keine Heimat hat, verzweifelt. Wer nicht mehr als seine eigene Heimat hat, verblödet. Wer nur sich selber kennt, verdummt. Darum die Läden aufgestoßen und die Fenster geöffnet zu den anderen Welten und ihren Horizonten! Man wird reich am Reichtum der Geschwister aus den anderen Glaubenshäusern. Man lernt, wer man selber ist, indem man andere wahrnimmt. Je mehr wir unsere eigenen Traditionen, Texte und Lieder kennen, je mehr wir also ein eigenes Gesicht haben, desto angstloser kann man sich dem Fremden zuwenden, ohne die Gefahr, im Fremden zu verschwimmen und die eigene Deutlichkeit zu verlieren.

Stolzes Gesicht, weiter Horizont

Mission und die Bezeugung des Glaubens heißt auch die anderen nicht im Stich lassen. Toleranz heißt: lassen und nicht im Stich lassen. Wir nehmen nicht nur den Reichtum der anderen wahr, sondern auch ihre Wunden. Wir bezeugen unseren eigenen Glauben und stellen ihn dar als eine Sprache der Güte. So waren Missionswerke auch immer Hilfswerke. Wir nehmen mehr wahr als uns selber; wir leiden an mehr als nur an den eigenen Schmerzen. Wir nehmen EI Salvador wahr und Namibia und die Philippinen. Schön, eine Kirche, die nicht nur in sich selber gefangen ist und deren Horizont sich nicht begrenzt auf Hamburg-Altona oder auf Köln-Deutz. Das nimmt uns die provinzielle Enge, und es lässt uns in mehr beheimatet sein als in der Dumpfheit des eigenen Ortes. Ich war vor kurzem in einer Gemeinde, die für ein bolivianisches Gesundheitsprojekt gesammelt hat. Welch ein Lebensreichtum, wenn Frauen in dieser Gemeinde die Frauen in Bolivien als ihre Schwestern erkennen. Sie haben sie nie gesehen, und sie sind Schwestern. Welche Würde bedeutet es für uns, unsere Grenzen zu sprengen; nicht gefangen zu sein in der eigenen Horde und im eigenen Land, sondern ein Mensch mit Horizonten und mit Freiheit zu sein. Was wir da tun, indem wir Namibia, den Kongo und die Philippinen im Auge haben, lässt uns hier nicht mehr ganz zu Hause sein. Wir werden vaterlandslose Gesellen und Ausländer im eigenen Land. Und das ist schön.

Fremde im eigenen Spiel

Die Heimat ist ja nicht nur ein Haus, in dem man geborgen ist und wohnen kann. Sie ist, wenn man nicht mehr als sie hat, auch ein Gefängnis. An andere Orte gehen heißt also auch, mehr zu haben als das dumpfe Gefängnis. Das ist Kirche: nicht in den eigenen Horizonten ersticken müssen, nicht mit sich selber auskommen müssen. Das danken wir den Missionswerken: Sie verhelfen der Kirche zu ihrer Eigentlichkeit. Die Kirche wird zum Ort, an dem Menschen leben mit stolzem Gesicht und mit weiten Horizonten. Sie wollen die Welt nicht besetzen mit ihrem Christentum, sie wollen sie umspielen. Und gelegentlich treten Fremde in unser eigenes Spiel ein und fangen an, unsere Sprache zu sprechen. Wir können nicht verhehlen, dass uns das freut.


Prof. Dr. Fulbert Steffensky, Jahrgang 1933, lehrte bis zu seiner Emeritierung Religionspädagogik im Fachbereich Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg.

Der Beitrag ist gekürzt einem Buch zum Kirchentag entnommen:
Ihr sollt ein Segen sein.
Denk-Anstöße von Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kirchen und Politik.
Gütersloher Verlagsanstalt / HERDER Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Ökumenischen Kirchentages.


Inhalt 2003-2

Die Enzyklica

Tauferinnerungs-
kurs

Bruchrechnen

Reise in
die Tiefe

Fotos Gastchor

Was man liebt,
verbirgt man nicht.

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Vom Orgeln...

...und Singen

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